Von Ralf Urban
Kommentar zur Wahlkampfveranstaltung der AfD in Ahrweiler
Einerseits die Wahlveranstaltung der AfD in Ahrweiler, andererseits die Gegendemonstration – zusammengenommen boten beide ein eindrucksvolles Bild: Drinnen im Helmut-Gies-Bürgerzentrum die selbsternannte „bürgerliche Mitte“, draußen auf dem Marktplatz rund 300 Menschen, die „Nazis raus“ riefen – und dazwischen die ernüchternde Einsicht, dass sich Realität nicht einfach wegapplaudieren lässt.
Wenn einer der AfD-Redner allen Ernstes fragt, ob man „etwas falsch gemacht habe“, weil sogar Kinder seine Partei mit Nazis gleichsetzen, dann möchte man ihm fast zurufen: Diese Frage ist der erste vernünftige Gedanke des Nachmittags – bitte weiterdenken! Stattdessen folgt die beruhigende Selbstumarmung: „Ihr macht überhaupt nichts falsch, denn wir sind die bürgerliche Mitte.“ Eine Logik, die vermutlich auch ein Geisterfahrer im Radiointerview bemühen würde: Wenn alle entgegenkommen, kann man schließlich nicht selbst falsch liegen – das wäre ja unpraktisch. Besonders rührend wird es, wenn ein mögliches AfD-Verbot als „Angriff auf die Demokratie“ beklagt wird – und das ausgerechnet von einer Partei, deren mehrere Landesverbände vom Bundesamt für Verfassungsschutz weiterhin als gesichert rechtsextrem eingestuft werden. 25 Prozent in Umfragen werden dann zum moralischen Persilschein erhoben: Viel Zustimmung ersetzt also Wertebindung? Dann wäre auch der Gruppenzwang auf dem Schulhof ein demokratisches Hochamt.
Interessanterweise darf eine rituelle Beschwörung von Helmut Schmidt und Willy Brandt nicht fehlen. Dass ausgerechnet diese beiden Sozialdemokraten posthum in die AfD eingemeindet werden, ist politische Nekromantie der besonders dreisten Sorte. Man wartet förmlich darauf, dass als Nächstes Rosa Luxemburg als Kronzeugin gegen „linke Faschisten“ bemüht wird. Überhaupt: Die Wortwahl im Saal – „Islamisierung“, „verbieten“, „linke Faschisten“ – klang weniger nach „friedlichem Dialog“ als nach akustischer Brandsalbe. Dass dafür stehende Ovationen gespendet werden, spricht Bände. Wenn Patriotismus zur Einbahnstraße erklärt wird („Es gibt nichts Besseres, als AfD zu wählen“), dann ist das keine Liebe zum Land, sondern eine sehr exklusive Form der Besitzanzeige. Während drinnen die „Mitte“ beschworen wurde, verteidigten draußen Bürgerinnen und Bürger friedlich eine Demokratie, die ihren Namen verdient. Die Empörung darüber, kritisiert zu werden, wirkt reichlich dünnhäutig für eine Partei, die sonst gern austeilt und von „harter Wahlkampf“-Rhetorik lebt. Wer ständig provoziert, sollte sich nicht wundern, wenn Widerspruch nicht im Flüsterton erfolgt.
Vielleicht ist das eigentlich Ermutigende an diesem Sonntag gar nicht die Veranstaltung selbst, sondern der laute, zivile Widerspruch davor. Demokratie besteht eben nicht nur aus Wahlumfragen und Saalapplaus, sondern auch aus Marktplätzen, auf denen Menschen klar sagen, was sie von völkischer Rhetorik halten.
Ralf Urban, Mitglied im Stadtrat Sinzig
Foto: EMC Studios
























